Arpad’s Geschichte

Arpad Weisz war Ungar und arbeitete in Italien. Arpad hatte einen Job, den wir alle gern hätten. In einer Welt mit Armen und Reichen, Schwachen und Starken, war Arpad Weisz reich und stark. Er war ein berühmter Fußballtrainer.
Seine Karriere beginnt als Spieler, als Pionier der ungarischen Fußballschule, die mit ihrem Spiel damals die Welt dominiert hat. Berühmt wird er aber erst als Trainer, zunächst in Südamerika und dann in Italien, wo er 1929 mit „Ambrosiana-Inter“ (heute Inter Mailand) den ersten „Scudetto“ gewinnt. In der Stammelf steht ein 17jähriger aus der Jugendmannschaft. Sein Name ist Giuseppe Meazza. Er wurde Kapitän der italienischen Nationalmannschaft, ihm ist das Mailänder Stadion gewidmet.

Zur Legende wird er als Trainer von Bologna, wo er mit seinem modernem Offensivfußball zwei Mal Meister wird und 1937 den Gipfel der Welt erreicht: Paris, Prinzenparkstadion, Finale des Turniers anlässlich der Pariser Weltausstellung – der Vorläufer der Champions League: Bologna 4 – 1 Chelsea. Der Triumph wird von den britischen Medien als „Ode an den Fußball“, als „Gedicht“ bezeichnet.

Dann aber, 1939, 6. Spieltag, wird Arpad Weisz zum ersten Mal von seinen geliebten Fans ausgepfiffen. Nicht, weil Bologna gerade verliert, sondern weil Arpad gerade verliert. Weil Arpad Jude ist, und Italien die Rassengesetze eingeführt hat. Doch keine Zeitung schreibt davon. Es ist normal.
Nicht aber für Weisz, der mit seiner Frau Elena und den Kindern Roberto und Clara zunächst nach Paris und dann nach Holland flieht. Dort trainiert er eine kleine Mannschaft auf dem Land, und stellt wiederum Rekorde auf – bevor die Welt über ihm zusammenbricht.

Am 29. September 1941 kommen die Nationalsozialisten, und Arpad darf nicht mehr trainieren. Sie verabschieden sogar ein Dekret eigens für ihn: als Jude darf er sich nicht mehr als 90 Meter einem Fußballfeld nähren – als würde man einem Fisch sagen, dass er nicht ins Wasser darf.
Vier Monate später werden er und seine Familie verhaftet und auf einen Zug geladen.
Das Ziel: Auschwitz.

Bei der Ankunft kommt er auf die eine Seite, Elena, Roberto und Clara auf die andere. Es ist der 5. Oktober, und er wird sie nie wieder sehen. Als dann am 31. Jänner 1944 Arpad selbst zur Gaskammer geführt wird, ist er seit fünf Jahren kein italienischer Staatsbürger mehr, seit drei Jahren kein Fußballtrainer mehr, und hat seit zwei Jahren keine Familie mehr. An dem Tag verschwindet so der größte Fußballtrainer seiner Zeit – doch sein trauriges und grausames Schicksal endet nicht mit seinem Tod.

Er gerät in Vergessenheit, wird in der Geschichte des Fußballs nicht einmal erwähnt. Sogar im historischen „Panini“-Fußballsticker-Album vor nur wenigen Jahren taucht er nicht unter seinem richtigen Namen auf, sondern unter dem Namen, den ihm die Faschisten gegeben haben – Vis.

Arpad Weisz ist aber vor allem Opfer der Gleichgültigkeit der Intellektuellen von damals, die die Rassengesetze verabschiedet haben. Opfer der Gleichgültigkeit der Studenten, die nicht dagegen protestiert haben, der Journalisten, die über ihn geschrieben haben, solange er berühmt war, und dann nichts mehr, weil er nur mehr Jude war. Opfer der Gleichgültigkeit seiner Fans, die ihn zuerst angehimmelt und dann zerstört haben. Opfer derselben Gleichgültigkeit, mit der wir heute zuschauen, wie in den Stadien Spieler mit Bananen beworfen werden.

Matteo Graiff, SKJ-Mitarbeiter
Quelle: Treno della Memoria 2010